Ent­schei­den unter Unsi­cher­heit

Januar 20, 2026

Show­no­tes

📖 Buch “Neue Wege der Füh­rung”
🎧 Pod­cast “Ent­schei­dungs­na­vi­ga­tor”
🎬 Ent­schei­dungs­na­vi­ga­tor auf You­tube

Was eine Seenot-Übung über Teams verrät

Stell dir vor, du bist mit deinem Team auf einer Yacht … Nicht zum Ver­gnü­gen, son­dern in Seenot. Das Boot ist beschä­digt, ihr treibt auf offe­nem Meer, und vor euch liegt eine Liste mit 15 Gegen­stän­den, die ihr in eine Über­le­bens-Rang­fol­ge brin­gen müsst. Was wäre jetzt am wich­tigs­ten? Der Sex­tant? Das Trink­was­ser? Die Not­ra­ti­on?

Genau in dieser Situa­ti­on befin­den sich regel­mä­ßig Füh­rungs­kräf­te in meinen Work­shops. Und obwohl es “nur” eine Übung ist, offen­bart sie scho­nungs­los, wie Teams unter Unsi­cher­heit ent­schei­den und warum selbst intel­li­gen­te Grup­pen oft zu sub­op­ti­ma­len Ergeb­nis­sen kommen.

In diesem Arti­kel teile ich meine Beob­ach­tun­gen aus der Seenot-Übung und zeige dir, warum nicht feh­len­de Füh­rung, son­dern man­geln­de Pro­zess­kom­pe­tenz das eigent­li­che Pro­blem bei Ent­schei­dun­gen unter Unsi­cher­heit ist.

Was in der Seenot-Übung wirk­lich pas­siert

Die Übung beginnt meist viel­ver­spre­chend: Die Gruppe tauscht Argu­men­te aus, erste Gegen­stän­de werden klar prio­ri­siert, und auf den ersten Blick wirkt alles effi­zi­ent. Doch je länger ich zuhöre, desto deut­li­cher wird: Hier wird nicht nur ent­schie­den, hier wird ver­han­delt. Über Ein­fluss, Auf­merk­sam­keit und Raum.

Leise Stim­men gehen unter

Ein Muster, das mich beson­ders beschäf­tigt, ist der Umgang mit leisen Stim­men. Immer wieder beob­ach­te ich, wie jemand einen wich­ti­gen Gedan­ken ein­bringt … vor­sich­tig for­mu­liert, viel­leicht nicht per­fekt argu­men­tiert, aber inhalt­lich sehr rele­vant. Und dieser Gedan­ke geht ein­fach unter. Nicht, weil ihn jemand bewusst igno­riert, son­dern weil die Dyna­mik der Gruppe schnel­ler ist als der Raum für Refle­xi­on.

Gleich­zei­tig kris­tal­li­sie­ren sich einige Stim­men heraus, die häu­fi­ger gehört werden. Nicht unbe­dingt, weil sie recht haben, son­dern weil sie klar, schnell und mit Über­zeu­gung spre­chen.

Har­mo­nie vor Klar­heit

Ein wei­te­res Span­nungs­feld: Der Gruppe ist es wich­tig, zu einer gemein­sa­men Lösung zu kommen. Das ist grund­sätz­lich posi­tiv. Doch es führt dazu, dass Wider­sprü­che zu früh geglät­tet und kri­ti­sche Rück­fra­gen abge­kürzt werden, um “end­lich wei­ter­zu­kom­men”.

In diesen Momen­ten wün­sche ich mir oft, dass jemand sagt: “Stopp – lasst uns diesen Punkt noch einmal wirk­lich anschau­en.” Aber genau dieser Moment kommt nicht. Nicht, weil nie­mand es will, son­dern weil nie­mand die Pro­zess­ver­ant­wor­tung über­nimmt.

Der Sex­tant-Effekt: Wenn Halb­wis­sen Sicher­heit simu­liert

Ein beson­ders inter­es­san­tes Phä­no­men ist der Umgang mit dem Sex­tan­ten in der Übung. Fast immer wird er rela­tiv früh sehr weit nach vorne gereiht. Die Begrün­dung klingt logisch: “Damit können wir navi­gie­ren.”

Das Span­nen­de daran: Kaum jemand weiß wirk­lich, wie ein Sex­tant funk­tio­niert. Noch weni­ger ist bekannt, dass man dafür nicht nur Erfah­rung braucht, son­dern auch eine sehr genaue Uhr und zusätz­li­che Tabel­len, die gar nicht Teil der Aus­rüs­tung sind.

Was hier pas­siert, ist kein Wis­sens­feh­ler: Es ist Halb­wis­sen, das Sicher­heit simu­liert. Der Sex­tant wird zum Symbol für Kom­pe­tenz und Kon­trol­le. Für “wir wissen, was wir tun”. Und genau des­halb wird er kaum hin­ter­fragt.

Dieses Muster kenne ich nicht nur aus Übun­gen, son­dern aus vielen Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen in Orga­ni­sa­tio­nen: Begrif­fe, Kon­zep­te oder Werk­zeu­ge, die ver­traut klin­gen, bekom­men auto­ma­tisch Gewicht – auch wenn nie­mand wirk­lich weiß, ob sie in der kon­kre­ten Situa­ti­on hilf­reich sind.

Was wirk­lich fehlt: Ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis von Ent­schei­dungs­pro­zes­sen

Wenn man die Übung als Ganzes betrach­tet, wird eines sehr deut­lich: Es fehlt nicht an Enga­ge­ment, Ver­ant­wor­tung oder Intel­li­genz. Was fehlt, ist nicht Füh­rung im klas­si­schen Sinn, son­dern etwas viel Grund­le­gen­de­res: ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis dar­über, wie man Ent­schei­dun­gen in der Gruppe trifft.

Denn was pas­siert, wenn dieser Rahmen fehlt?

  • Dann über­nimmt die Dyna­mik.
  • Dann setzen sich die durch, die schnel­ler spre­chen, siche­rer wirken oder häu­fi­ger gehört werden.
  • Dann wird Mehr­heits­fä­hig­keit mit Qua­li­tät ver­wech­selt – und Har­mo­nie mit Trag­fä­hig­keit.

Das ist kein indi­vi­du­el­les Ver­sa­gen. Das ist ein struk­tu­rel­les Pro­blem.

In der Seenot-Übung fließt viel Ener­gie in Dis­kus­sio­nen und wenig davon in eine sau­be­re Ent­schei­dungs­fin­dung. Es wird argu­men­tiert, ver­han­delt, rela­ti­viert. Aber selten wird inne­ge­hal­ten und gefragt:

  • “Wie wollen wir eigent­lich gerade ent­schei­den?”
  • “Was brau­chen wir, um zu einer guten Ent­schei­dung zu kommen?”

Der ent­schei­den­de Hebel: Pro­zess­kom­pe­tenz

Hier liegt aus meiner Sicht der ent­schei­den­de Hebel: nicht in mehr Wissen, nicht in kla­re­ren Ansa­gen, son­dern in Pro­zess­kom­pe­tenz.

Also in der Fähig­keit, einen Raum zu schaf­fen, in dem:

  • alle rele­van­ten Per­spek­ti­ven gehört werden,
  • Unsi­cher­heit benannt werden darf,
  • Argu­men­te nicht über­rannt werden,
  • und Ent­schei­dun­gen am Ende bewusst getrof­fen werden – auch wenn sie nicht per­fekt sind.

In der Übung gibt es keinen for­ma­len Leader, keine klare Hier­ar­chie. Die Ver­ant­wor­tung ver­teilt sich auf meh­re­re Schul­tern. Das ist in vielen Teams heute ganz ähn­lich. Und genau des­halb reicht klas­si­sche Füh­rung oft nicht aus.

Was es braucht, ist jemand (oder ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis) der den Ent­schei­dungs­pro­zess hält. Nicht, um Inhal­te vor­zu­ge­ben, son­dern um sicher­zu­stel­len, dass aus Dyna­mik Klar­heit wird. Dass aus Unsi­cher­heit eine trag­fä­hi­ge Ent­schei­dung ent­steht und nicht nur ein schnel­ler Kon­sens.

Unsi­cher­heit als Nor­mal­zu­stand akzep­tie­ren

Eine der wich­tigs­ten Erkennt­nis­se aus dieser Übung: Unsi­cher­heit ist kein Pro­blem. Sie ist der Nor­mal­zu­stand.

Pro­ble­ma­tisch wird sie erst dann, wenn wir ver­su­chen, sie zu über­spie­len, statt sie bewusst in den Ent­schei­dungs­pro­zess zu inte­grie­ren.

Unter Unsi­cher­heit grei­fen Grup­pen oft zu dem, was sich rich­tig anfühlt, nicht unbe­dingt zu dem, was wirk­lich durch­dacht ist. Sie suchen nach Sicher­heit und finden sie in ver­trau­ten Kon­zep­ten, in schein­bar klaren Argu­men­ten oder in der Har­mo­nie der Gruppe.

Doch echte Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz zeigt sich nicht darin, Unsi­cher­heit zu ver­mei­den, son­dern sie bewusst zu inte­grie­ren.

Was wir aus der Seenot-Übung für echte Teams lernen können

Wenn wir wollen, dass Teams gute Ent­schei­dun­gen tref­fen, dann müssen wir ihnen nicht nur Ver­ant­wor­tung geben, son­dern auch das Wissen und die Struk­tur, wie man gemein­sam ent­schei­det.

Wäre ich selbst Teil einer sol­chen Crew gewe­sen, hätte ich weni­ger ver­sucht, die “rich­ti­ge” Rei­hung der Gegen­stän­de zu beein­flus­sen. Mein Fokus wäre ein ande­rer gewe­sen: der Pro­zess.

Ich hätte ver­mut­lich rela­tiv früh inne­ge­hal­ten und Fragen gestellt wie:

  • “Wie wollen wir gerade ent­schei­den?”
  • “Haben wir alle rele­van­ten Per­spek­ti­ven gehört?”
  • “Wo sind wir uns einig und wo viel­leicht nur bequem?”

Nicht, um zu brem­sen, son­dern um sicher­zu­stel­len, dass wir als Gruppe nicht ein­fach von Dyna­mik getra­gen werden, son­dern bewusst ent­schei­den.

Fazit: Ent­schei­dungs­kul­tur braucht Pro­zess­ver­ständ­nis

Die Seenot-Übung ist ein ehr­li­cher Spie­gel für die Ent­schei­dungs­rea­li­tät in Orga­ni­sa­tio­nen. Sie zeigt, dass in vielen Teams viel Ver­ant­wor­tung, viel Enga­ge­ment und oft auch viel Kom­pe­tenz vor­han­den ist.

Was fehlt, ist nicht der Wille zu ent­schei­den, son­dern das Wissen dar­über, wie man Ent­schei­dungs­pro­zes­se gut gestal­tet, gerade unter Unsi­cher­heit.

Und Unsi­cher­heit ist kein Aus­nah­me­zu­stand, son­dern Alltag:

  • Wir wissen selten alles.
  • Wir ent­schei­den oft mit unvoll­stän­di­gen Infor­ma­tio­nen.
  • Und wir sind trotz­dem gefor­dert, hand­lungs­fä­hig zu blei­ben.

Die Frage ist also nicht: Wie ver­mei­den wir Unsi­cher­heit? Son­dern: Wie gehen wir so mit ihr um, dass gute, trag­fä­hi­ge Ent­schei­dun­gen ent­ste­hen?

In meiner nächs­ten Pod­cast-Epi­so­de werde ich genau hier anset­zen und einen Ent­schei­dungs­pro­zess vor­stel­len, den ich ent­wi­ckelt habe, um Teams und Füh­rungs­kräf­te in sol­chen Situa­tio­nen zu unter­stüt­zen. Einen Pro­zess, der Unsi­cher­heit nicht weg­drückt, son­dern inte­griert, der Struk­tur gibt, ohne zu ver­en­gen, und der Mut, Ver­trau­en und Intui­ti­on bewusst mit­ein­an­der ver­bin­det.

FAQ: Ent­schei­den unter Unsi­cher­heit

Warum werden leise Stim­men in Ent­schei­dungs­pro­zes­sen oft über­hört?

In der Dyna­mik von Grup­pen setzen sich oft die­je­ni­gen durch, die schnel­ler, lauter oder mit mehr Über­zeu­gung spre­chen. Ohne einen bewusst gestal­te­ten Pro­zess, der allen Raum gibt, gehen wert­vol­le Per­spek­ti­ven ver­lo­ren – nicht aus böser Absicht, son­dern weil die Grup­pen­dy­na­mik schnel­ler ist als die Refle­xi­on.

Warum schei­tern Teams nicht an man­geln­der Füh­rung, son­dern an feh­len­der Pro­zess­kom­pe­tenz?

In moder­nen Teams ist oft viel Kom­pe­tenz, Enga­ge­ment und Ver­ant­wor­tung vor­han­den. Was fehlt, ist nicht klas­si­sche Füh­rung, son­dern ein gemein­sa­mes Ver­ständ­nis dar­über, wie man Ent­schei­dungs­pro­zes­se gestal­tet – beson­ders unter Unsi­cher­heit. Es geht nicht darum, wer führt, son­dern wie ent­schie­den wird.

Wie kann man Unsi­cher­heit in Ent­schei­dungs­pro­zes­se inte­grie­ren statt sie zu ver­mei­den?

Statt Unsi­cher­heit zu über­spie­len, sollte sie expli­zit benannt werden: “Was wissen wir wirk­lich, und was glau­ben wir nur zu wissen?” Ein guter Ent­schei­dungs­pro­zess schafft Raum für diese Refle­xi­on und ermög­licht es, trotz Unsi­cher­heit zu hand­lungs­fä­hi­gen Ergeb­nis­sen zu kommen – nicht durch per­fek­te Lösun­gen, son­dern durch trag­fä­hi­ge Ent­schei­dun­gen.

Was können Mode­ra­to­ren tun, um bes­se­re Ent­schei­dun­gen in Teams zu ermög­li­chen?

Statt sich auf Inhal­te zu kon­zen­trie­ren, soll­ten Mode­ra­to­ren Pro­zess­ver­ant­wor­tung über­neh­men: sicher­stel­len, dass alle Per­spek­ti­ven gehört werden, Unsi­cher­heit benannt werden darf, und die Gruppe immer wieder auf die Meta-Ebene zurück­ho­len mit Fragen wie “Wie wollen wir jetzt ent­schei­den?” und “Haben wir alle rele­van­ten Aspek­te betrach­tet?”


Möch­test du lernen, wie du Ent­schei­dungs­pro­zes­se in deinem Team besser gestal­ten kannst? Ich habe einen spe­zi­el­len Ent­schei­dungs­na­vi­ga­tor-Work­shop ent­wi­ckelt, der dir und deinem Team hilft, auch unter Unsi­cher­heit zu trag­fä­hi­gen Ent­schei­dun­gen zu kommen.

Christian Koudela

Entscheidungsnavigator, Autor, Berater & Trainer

Ich will echte Veränderungen ermöglichen und Unternehmen zu einem Ort machen, an dem Wertschätzung für die Leistungen und Kompetenzen aller Beteiligten zum Alltag gehört. An dem die Arbeit Freude und Sinn stiftet – ein arbeitswerter Ort ist. Und nicht nur ein Rettungsanker sein, mit dem du dich immer wieder von einer herausfordernden Entscheidung zur nächsten hangelst.

Buche Dir jetzt ein unverbindliches Entscheidungsgespräch: jetzt Termin buchen

Das könnte Dich auch interessieren

Seite [tcb_pagination_current_page] von [tcb_pagination_total_pages]

Regelmäßig entscheidende Infos erhalten

Trage Dich in unseren Newsletter ein, um regelmäßig aktuelle Informationen zum Thema Entscheiden zu bekommen.

Infos zur Verarbeitung Deiner Daten kriegst Du in unserer Datenschutzerklärung.
Du kannst dich außerdem jederzeit problemlos wieder abmelden.

Einfach entscheiden

Das praktische Handbuch für Entscheidungen in Organisationen.

Welcher Entscheidertyp bist du?

Fülle dein KAIROS Entscheiderprofil aus und triff bewusst gute Entscheidungen.

Auf die Ohren gibt es

Und zwar Expertenwissen aus über 25 Jahren Entscheidungsforschung im Entscheidungsnavigator Podcast.